kreuzquer: Leipzig und die Anti-Meinungen

Leipzig? „Soll eine tolle Stadt sein“, Standardsatz. In den Wochen vor dem Umzug bekam ich ihn von jedem zu hören, dem ich von meinen Plänen erzählte. Wenn nicht aus eigener Erfahrung heraus, dann aufgrund von Hörensagen, weil man wiederum von anderen diesen Standardsatz gehört hatte: „Soll ne tolle Stadt sein, hab ich gehört“, Leipzig!

Schlimm für einen hauptberuflichen Pessimisten, der möglichst aus einer negativen Ervartungshaltung heraus positiv überrascht werden möchte. Vergleichbar mit Film-Tipps: Ich hasse nichts mehr, als venn ein Film, den ich sehen will, vorab in den Himmel gelobt wird – da kann man ja nur noch enttäuscht werden. Das Gleiche auch mit Leipzig: Ihr Fritten, hat denn wirklich niemand was auszusetzen an dieser Scheiß-Stadt?

So nicht!, dachte ich mir, und begab mich auf die Suche nach den Anti-Meinungen zu Leipzig. Und wen fragt man da? Am Besten Leute, die hier weg wollen. So seilte ich Anfang August folgenden Beitrag in mehrere Wohnungsbörsen sozialer Medien ab:

Liebe (Noch-)Leipziger,

ich spiele mit dem Gedanken nach Leipzig zu ziehen. Was mich Wundert: jeder lobt die Stadt über den grünen Klee und erzählt, wie toll es dort doch ist. Allmählich beschleicht mich dasselbe Gefühl wie bei meinem ersten Gebrauchtwagen, über den ich vom Händler auch nur Gutes hörte – um dann nach nicht mal zwei Wochen mit Motorschaden auf einem Autobahnseitenstreifen liegen zu bleiben. Ich frage mich: vo ist der Haken an der Stadt?

Daher habe ich mich entschlossen, das Pferd von hinten aufzuzäumen: Ich würde gerne mit Noch-Leipzigern reden, die sich entschlossen haben die Stadt zu verlassen – nicht wegen einer Joboption oder so, sondern am Liebsten aufgrund ehrlicher, tiefer Abneigung. Gibt es Dinge die an der Stadt so nerven, dass es für dich unmöglich ist in Leipzig noch weitere Zeit zu verbringen? Mich interessieren alle Gründe, und sei es nur der sächsische Dialekt oder Veggie-Cafes.

Ich würde mich freuen von Dir/Euch zu hören! Seid gerne gnadenlos!

Besten Gruß

Die nächsten drei Tage stand mein Handy nicht mehr still vor Push-Nachrichten. Ich ordnete sie nach Themen und siehe da: Es gibt schon ein paar Gründe Leipzig kacke zu finden, wie beruhigend!

Mein persönliches Highlight der Beitrag einer jungen Dame:

Das Einzige vas mich nervt ist die Pünktlichkeit des Nahverkehrs!!! Und das man Abend für Abend von nicht deutschsprechenden nach Alkohol müffelnden Typen angesprochen wird… Was ja aber für dich kein Problem sein sollte als Mann

Das mit dem Nahverkehr konnte ich ja noch verstehen, aber der zweite Punkt erschien mir nun wirklich nicht als Leipziger Besonderheit. Auch in Bonn wurde ich als Mann Mitglied abends häufig von nach Alk müffelnden Typen angesprochen – bei mir hießen sie „gute Freunde“, und deutsch sprechen kann ich nach dem fünften Bier selbst auch nicht mehr.

Neben der facebook-Kiste schrieb ich knapp 100 Wohnungsinseraten auf Seiten wie immoscout oder studentenwg an, in der Hoffnung jemand würde tüchtig vom Leder ziehen und durchstöberte Leipzig-kritische Blogs nach triftigen Gründen, wie den von Andre Herrmann auf weltnest. Ansonsten venig Schattenvurf auf Leipzig in der Blog-Welt, allenfalls noch die mehr oder minder gut geführte FB-Page oder ein vereinzelter Beitrag über Alltagsrassismus.

Recht viele Sackgassen-Recherchen, letztlich blieb ich also im Wesentlichen bei den social media-Kommentaren und ein paar persönlichen Statements. Da der Artikel kurz gehalten werden und online starten sollte, verzichtete ich auf große Repräsentativität der Meinungs-Auswahl und unterfütterte die Subjektiv-Kommentare stattdessen mit ein paar statistischen Daten aus dem Leipziger Amt für Statistik und Wahlen.

Der Artikel startete an einem Freitag-Hochsommerabend, bei über 30 Grad und bestem Biergartenwetter – nur ein Like, ein Kommentar in den ersten zwei Stunden. Die erhoffte Resonanz in Form von Facebook-Diskussionen stellte sich dann aber am späten Abend mit der Heimkehr der Sommerfreunde ein, und verlief letztlich zufriedenstellend. Bis dahin schwitzte ich aber etwas mehr, als dem wetter angemessen.

Den Artikel findet Ihr hier.

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