Trotzburg

Kein anderes Gebäude in Plagwitz zieht mich so in den Bann wie die alte Maschinenfabrik Swiderski. Erbaut im ausgehenden 19. Jahrhundert, wurden dort Buchdruck- und Dampfmaschinen gefertigt, ehe 1990 die Wende der ansässigen Industrie die Wettbewerbsfähigkeit stahl. Wie ganz Plagwitz zum Industriefriedhof wurde, verwaiste auch die Swiderskifabrik an der Zschocherschen Straße 78. Schon seit Wochen reizte es mich, dort einmal einzusteigen, am 11. Oktober war es dann soweit.

Besuch aus Bonn: Wolfram. Er hat viele Jahre hier gelebt. Als er Familie bekam ist er in den Westen gezogen, wo er mittlerweile als Manager für ein großes Mobilfunkunternehmen arbeitet und für seine Familie die Steine aus dem Feuer holt. Er hat in Leipzig Germanistik studiert und später ein Fernstudium der Wirtschaftsinformatik draufgepackt. Der Osten reizt ihn immer wieder, auch der ferne: Seine Frau ist Japanerin. Wirtschaftliche Erfordernisse ließen ihn den Weg ins Office einschlagen, doch seine kreative Leidenschaft gilt der Fotografie. Als ich ihm vor ein paar Wochen von der Fabrikruine Swiderski berichtete, war er direkt Feuer und Flamme und ein paar Wochen stattete er uns mit seiner Familie einen Kurzbesuch ab.

An einem Sonntagnachmittag gelingt es uns dann der häuslichen Enge zu entfliehen und uns aufzumachen. Das Wetter meint es gut mit uns: 13 Grad, Sonne, klares Licht. Wir setzen uns in ein Cafe an der Karl-Heine-Straße. und er gibt mir eine kleine Einweisung in die Funktionen seiner Kamera. Ich experimentiere an ein paar Blumen mit Tiefenschärfe-Effekten während er ein Bier trinkt und raucht. Das Familienleben macht alle drei Tätigkeiten sonst eher schwierig für ihn, vermute ich.

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An der Fabrik angekommen suchten wir Einlass, finden ein zerschlagenes Fenster zur Ostseite. Direkt hinter dem kleinen Vorraum schreiten wir in die längliche Haupthalle. Ein Raum mit langer Flucht. Zur linken und rechten Seite stemmten Stahlträger die Empore, die schmal oben entlang der Seitenwände verläuft. Auf dem Boden Schutt in jung und alt: Zwischen zersplittertem Glas, Scherben und Ziegelsteinen mischen sich Bierdeckel, alte Trinkpäckchen, Verpackungsmüll und angerostete Spraydosen im Scheinwerfer des aus den Seitenfenstern einfallendem Sonnenlichts.

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Die Szenerie: postapokalyptisch.

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Wir sind nicht die einzigen Stalker in diesem verfallenen Ort. Irgendwo hinten wallhallen elektronische Beatz durch den Raum, das Klicken von geschüttelten Spraydosen ist immer wieder zu vernehmen. Auf der Empore stoßen wir auf eine Fotografin und ihre Begleiterin. Wir bauen das Stativ auf und machen Weitwinkel-Shots von der Fabrikhalle.

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Was verlassen anheimelt wird bei genauer Betrachtung zu einem Zeugnis ständiger Wiederkehr im Laufe der Zeit. Kaum ein Fleck in dieser Halle ist unberührt, überall haben Menschen ihre Signaturen gesetzt – seien es die Malereien und Schriftzüge auf den Wänden oder schlicht die Überreste aus Müll zu unseren Füßen. Die Fabrik ist erloschen, doch lebt nach ihrem Untergang durch ihre Besucher weiter, die wie auch das Grün den Raum zurückerobern. Aus jeder Fuge der Mauern dringt Natur oder Kunst.

An der Südseite der Fabrikhalle schließt sich eine ebenso lange, aber etwas schmalere Vorhalle an. Da der Raum nach oben hin mit einem spitz zulaufenden Glasdach abgeschlossen ist, sind die Lichtverhältnisse deutlich heller, was sich nicht zuletzt an zahlreichen Gewächsen bemerkbar macht, die hier Nischen besetzt haben. Auch der Blick auf den charakteristischen Fabrik-Turm ist aus der Halle heraus möglich. Wieder machen wir ein paar Panorama-Fotos.

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Am Westende der Halle gehe ich ein wenig auf eigene Faust, erklimme eine Treppe und stoße auf einen Mauerbruch der einen Blick auf den Gewerbepark Plagwitz offeriert. Die Sonne neigt sich dem Ende zu und durch die vermehrte Rotanteil des beginnenden Sonnenunterganges erhält die Belichtung der Fotos einen wärmeren Touch. Da wundere ich mich, dass das auch ganz ohne Instagram-Schieberegler möglich ist. Toll.

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Ich finde einige Motive für Nahaufnahmen. Im länglichen Nachbarraum hat sich an der Nordwand scheinbar eine Feuchtigkeitsquelle eingeschlichen. Der erodierte Wandverputz hat die Ziegelsteinmauer freigelegt, aus deren Beton-Fugen Pflanzengrün sprießt. Direkt darunter ist der Boden eingestürzt und ringsum hat die jahrelange Feuchtigkeit den Boden gewellt. Ringsum ist er spürbar morsch und gibt nach.

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Das Licht wird knapper und allmählich führen wir unsere Pilgerfahrt dem Ende entgegen, schreiten, das ein oder andere Motiv noch abschießend, durch ihr neo-gotische Kirchenschiff dem Fenster-Ausgang entgegen, treten aus wie ehedem eingetreten.

Die ganze Fabrik Swiderski lässt sich nicht in der Totale einfangen und so knipse ich die Vorderseite zur Zschocherschen und die Vorderhalle mit der Glasbedachung separat von der Südseite ab.

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Fazit: Ich denke ich bin als dilettantischer „take away smartphone grammer“ eher bei meinen leisten als in der gehobeneren Photographie. Nicht zuletzt wegen meines angeborenen Symmetriefehlers, den ich beim einparken schon immer merke, und der dazu führt, dass die Fotos oft etwas schief sind. Leider verfügte die Kamera auch nicht über eine Waage.

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Wolfram hat es Spaß gemacht, so mein Eindruck, als wir zurück gen Lindenau laufen. Ein wenig kreative Erholung ostseits der regelbetrieblichen Werktags-Routinen konnte er heute finden – in einem Industriegrab, das einst genau eine solche graue Alltags-Monotonie produzierte. Heute ist es als Andachtsort neu belebt und der neo-gotische Bau eine echte Kathedrale – für Ostkapisten wie ihn, die Andacht an ihr kreativeres Selbst finden, das im Westen einzufallen droht. Eine echte Trotzburg.

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Die neunte Woche


Tag 56 – 25/09/2015 – Rückmarsdorfer Straße, Leutzsch



Tag 57 – 26/09//2015 – Plagwitz



Tag 58 – 27/09//2015 – Karl-Heine-Platz, Plagwitz



Tag 59 – 28/09//2015 – Karl-Heine-Kanal, Plagwitz



Tag 60 –  29/09//2015 – Georg-Schumann-Straße, Gohlis



Tag 61 – 30/09//2015 – Zentrum, Leipzig



Tag 62 – 01/10//2015 – Palmengarten, Laubzig

Die achte Woche


Tag 50 – 18/09/2015 – Zschochersche Straße, Plagwitz



Tag 51 – 19/09//2015 – Bonnheim, Leipzig



Tag 52 – 20/09//2015 – Bonnheim, Leipzig



Tag 53 – 21/09//2015 – Naumburger Straße, Leipzig



Tag 53 –  22/09//2015 – Industriestraße, Plagwitz



Tag 54 – 23/09//2015 – Rückmarsdorfer Straße, Leutzsch



Tag 55 – 24/09//2015 – Neues Schauspiel, Lindenau

Die deutsche Freiheit wird 25!

Die DDR trat vor 25 Jahren Deutschland bei. Umgehend flohen Ostbürger nach West, auf der Suche nach mehr Freiheit, Wohlstand, Möglichkeiten. Kurz vor der deutschen Wende war Leipzig eine Hochburg des Dranges nach mehr Weltweite, dem Wunsch raus zu kommen aus der beengten Zone staatlicher Limitierung. Die Montagsdemos, die an der Leipziger Nikolaikirche starteten, gelten heute als Symbol für diesen Drang, der Slogan „Wir sind das Volk“ schallt bis heute nach.

So ist es immer gewesen mit der Geschichte: Je mehr Zeit hinter Ereignissen liegt, je blasser die Erinnerung, desto mehr hält Nostalgie Einzug in den Köpfen. Heute haben die damaligen, wirvölkischen Demos einen Mythos im Schweif, der sie geradezu klebrig erscheinen lässt, wie Andreas Raabe, der Chefredakteur des Leipziger Stadtmagazins kreuzer in seinem Aufsatz zur „verkitschten Revolution“ vor einiger Zeit bereits eindrucksvoll darlegte.

Nostalgische Romantisierungen sind ok, retrospektiv erscheint vieles in Pastellfarben. Jede Zeit hat ein vergangenes goldenes Zeitalter, in das man sich träumen mag, gespeist aus dem Unfrieden über das Profane, die gegenwärtigen Lebensumstände und Komplikationen. Große Persönlichkeiten werden erst in nachträglicher, historischer Betrachtung und ihrer Einordnung zu dem, was sie sind. Kafka war derartig verkannt, dass sein Leben nur kurz hielt. Hätte man diesem blassen Mann zu Lebzeiten offenbart, welche literarische Weltgeltung seine Werke hundert Jahre später haben würden, er wäre wohl nur noch psychotischer geworden. Selbst zerbrochen an der Mühsal des Lebens, die ihn in einem monotonen Regelbetrieb der anbrechenden modernen Arbeitswelt gefangen hielt, wurde er erst im Nachleben in den literarischen Olymp gehoben.

Erst wenn Zeiten vergehen und unwiederbringlich im Strudel versinken, beginnen die Nachweltmenschen ihre Bedeutung einzuordnen. Wie auch die Erinnerung selektiv ist, ist es auch der Nachlass des Vergangenen im kollektiven Bewusstsein. Anders gesagt: Wenn Idole sterben, werden Legenden geboren; wenn Zeiten sich ändern, wird Geschichte geschrieben. Dies ist der Grund, warum es so schwer fällt, Epochen zu erkennen, wenn man Teil davon ist. Man kann vielleicht versuchen über den Tellerrand zu schauen, aber nie den gesamten Teller vom Stuhl des Tisches aus betrachten, denn als Genossen der Zeit kann man dort gar nicht Platz nehmen.

Sicherlich, es gibt Ereignisse und Persönlichkeiten, deren Größe man sich schon zu Lebzeiten bewusst ist. Doch eine Romantisierung erfahren diese erst im Nachklang ihres Gewesenseins. Die Wende gehört dazu. Ihre Besonderheit war klar und die Menschwelle wogte gen West, doch wohin es sie treiben würde, das wusste niemand.

Geschichte ist nicht frei von Ironie, und Leipzig steht heute wie keine Stadt im Osten so für diesen Witz. In den Neunzigern drohte sie wie so viele Oststädte zur Geisterstadt zu verkommen. Die DDR wollte auferstehen aus Ruinen, mit ihrem Untergang drohte Leipzig in ihnen einzugehen. Wie kein anderes Viertel verdeutlichte das ehemalige Industrie- und Arbeiterquartier Plagwitz diese Tendenz. Durch die neue Konkurrenz aus West jeglicher Wettbewerbsfähigkeit beraubt, starb die Industrie ab, Fabriken verfielen, die Menschen verloren ihre Arbeit und zogen in Heerscharen weg. Heute steht kaum ein Stadtteil mehr für das neue Leipzig, wo aus den Fugen der ruinierten Backsteingemäuer Kunst, Flora und der Geist der Erneuerung quillt. Industrieromantik.

Mit der Wende zogen die Ostdeutschen weg, um sich in Weltweite treiben zu lassen und wirtschaftliche Freiheit zu finden. Und heute? Ist Leipzig ein Fluchtpunkt für all jene westdeutsche Eskapisten, die sich im Westen geknechtet fühlen und ihren Geist in Ketten gelegt durch all jene Repressionen durch die Freiheit, für die die damaligen Ostdeutschen das Weite suchten. Der Wendeeskapismus war ein existenzieller, der heutige Ostkapismus ist ein existenzialistischer. Er wird genährt von dem Bedürfnis, eine Selbstverwirklichung anzustreben, die die Knechtschaft für die Begleichung hoher Mieten und die Hetze nach einem schlingerfreien Lebenslauf in West gar nicht mehr zulässt.

Freiheit ist keine nach oben offene posivistische Skala. Die große Hybris des Neo-Liberalismus ist daher die Annahme: Je mehr Freiheit, desto besser. Diese Verblendung verkennt, dass zu viel Freiheit auch unfrei machen kann. Die Fülle an Optionen und Möglichkeiten, die zahlreichen Weggabelungen können hemmen, viele verirren sich dabei. Der Lebenslauf schlingert, denn es gibt so viele Möglichkeiten den Lebensweg zu gestalten, entscheiden kann man sich nur für einen. Das Dogma der geraden Lebenshaltung, der Anspruch auf Linearität der eigenen Existenz wird durch das Mehr an Freiheit erschwert. Wer einmal im Supermarkt stand und sich aufgrund der Produktfülle gar nicht mehr entscheiden kann und vergisst was er überhaupt einkaufen wollte, kann das Problem in der Nussschale sehen.

Und weiter: Extreme Freiheit ist immer auch eine Gefahr für die Schwachen, denn wer frei ist alles zu tun, neigt dazu, diese auszunutzen und schnell regiert das Recht des Stärkeren. Die Ereignisse auf dem Finanzsektor der vergangenen Jahre zeugen davon, wie auch die sozialen Probleme in einem fundamental-liberalistischen Land wie den USA, die davon ausgehen, dass ein radikal freier Markt sich selbst reguliert, und durch Nachfrageprimat automatisch dafür sorgt, dass Mängel nicht entstehen. De facto besteht dort eine Gesellschaft ohne Netz und doppelten Boden.

Die meisten Menschen fühlen, dass daran etwas nicht stimmt. Sie verfügen über maximale Freiheit und sind doch ohnmächtig sich zu verwirklichen. Oder gerade deswegen?

25 Jahre nach der Wende ist der Kapitalismus moralisch angeschlagen wie nie. Die mutmaßliche Freiheit, die er versprach, ist ein Scheinkonstrukt, denn sie spielt sich nur im Rahmen des abgeschlossenen Systems ab. Es anzuzweifeln katapultiert den Kritiker aus seiner Gemeinschaft und wird von einer rigiden politischen Ethik umgehend sanktioniert. Die Ansätze der Partei die Linke, der AfD oder der Piraten sind gute Beispiele dafür. „Nicht wählbar!“, „Nicht regierungsfähig!“, rufen die arrivierten Machthaber aus Politik und Leitmedien, Ausstoß aus dem gesamtgesellschaftlichen Diskurs ist die Folge, eine Mauer aus Stigmatisierungen wird hoch gezogen um diese Strömungen zu marginalisieren.

In der Schule bekam man oft zu hören als herrschende Meinung: „Die Demokratie ist nicht die optimale Staatsform, doch noch die Beste von allen, weil alternativlos.“ Kritisieren darf man sie dennoch nicht, sonst ist man schnell der Verfassungsfeind. Gleiches gilt für den Kapitalismus, Sozialist ist heute ein Sammelschimpfwort für all jene, die ihn hinterfragen. Die herrschende Klasse verteufelt den Extremismus, ist in ihrer Ausschließlichkeit und Abschottung gegenüber alternativen Denkweisen jedoch mindestens ebenso radikal. Wer nicht dafür ist, ist dagegen. Dass dies in einem freien Land, das sich den Wert der Meinungsfreiheit aufs Banner schreibt, so ist, ist zumindest eine komisch und scheinheilig um nicht zu sagen: völlig absurd. Man kann anderer Meinung sein, aber wenn die herrschende Meinung sie als falsch erachtet, macht sie Probleme.

Was bleibt den Menschen, die dieses Scheinkonstrukt von Freiheit hinterfragen? Die Meisten sind derartig resigniert, dass sie schlicht unpolitisch werden oder sich hinter einer Art Neo-Biedermeiertum verschanzen. Sie treten in Erscheinung als Gartennazis oder Schwarzarbeiter. Die Heuchelei von Scheinfreiheiten und unbegrenzten Möglichkeiten, die im Realleben eine hypothetische Größe bleibt impft ihnen eine Supermoral ein, selbstjustiziär erlauben sie sich, was sie individuell verrechnet als fair ansehen, nehmen sich die Freiheit selbst moralisch zu werten, sofern es der hart urteilenden Öffentlichkeit verborgen bleibt. Damit ist ihr Vorgehen absurderweise doch auf einer Linie mit der neoliberalen Leitethik dieser westlichen Gesellschaft, die selbiges im Großen tut. Dieses System schafft sich seine Subversiven selbst und steht somit 25 Jahre nach ihrem Ende dem vergangenen Ideologiefeind DDR kaum nach.

Es ist wie mit der Vision des Kontrollstaates, die George Orwell mit seinem weltbekannten Buch „1984“ einst schuf. Man kann sagen, wir sind nah dran an diesem Schreckensszenario. Doch anders als in seiner Vorstellung braucht es keinen repressiven großen Bruder, der die Gesellschaft in einem Kontrollstaat versklavt. Heute machen es die Leute von sich aus, indem sie Big Data alles in den Rachen werfen, was es dazu braucht. Genauso ist es mit diesem System und seinen Abtrünnigen: Es legt die Leute nicht wie in der DDR an Ketten, aber es liefert alles dazu, dass die Leute sich davon abwenden. Absurd, dass es ist die Freiheit ist. Die Kontrolle läuft nicht offensichtlich, sondern auf einer übergeordneten Ebene und wird mit dem Vorhang der Freiheit verschleiert. Das ist nicht so offensichtlich zu erkennen, was es umso perfider macht.

Heute, ein Vierteljahrhundert nach der Gründung Neudeutschlands, boomt der Osten wieder, vor allem Leipzig weist ein konsequentes Bevölkerungswachstum auf und nicht zuletzt zahlreiche Westdeutschen flüchten in diese Zone.

Sie sind Wirtschaftsflüchtlinge im absurden Sinn: Angezogen von dem Wunsch nach dem Mehr an Lebensfreiheit, dem Weniger an Zwängen der freien Marktwirtschaft, die Karriere und wirtschaftliches Wachstum des Einzelnen wie der Gesamtwirtschaft predigt. Heute flüchten sie vor zu viel Wirtschaft, nicht vor zu wenig. Daher zieht die Stadt vor allem junge Intellektuelle an, die davon genug haben. Gerne darf man sich davon finanziell alimentieren können, doch die Selbstverwirklichung und persönliche Freiheit ist das höhere Primat. Die New York Times subsumierte diese Menschen kürzlich unter den Begriff des Yuccie, der reallebensweltlichen Evolution des Hipsters.

Wer durch Plagwitz läuft und den Gesprächen der passierenden Menschen lauscht, der hört Fernschweifendes. Der hört über philosophische Themen, oder geplante Reisen, Andersdenkendes. Man merkt: Leipzig ist nur ein Startpunkt, eine Trotzburg für eine ganz besondere Mentalität, die in der Wiedervereinigung ihren Anfang nahm. Diese Menschen wollen sich einfach treiben lassen um zu erfahren, was sie von ihrem Leben wollen und sei es nur um den Raum zu haben, dass sie gar nicht mehr wollen.

Wenn der bekannte Leipzigblogger und -kritiker Andre Herrmann die Stadt als „Hypezig“ geißelt, hat er genau dies nicht verstanden. Es ist nicht der Hype, der die Wessis zu Ostkapisten macht, es ist das Fernweh nach dem Mehr im Leben. Ostalgie. Statt „Hypezig“ wäre also „Treibzig“ der rechte Neologismus. Das galt damals wie heute. Besten Gruß nach Brüssel.

Und allen anderen: Einen schönen Tag der deutschen Einheit.

Die siebte Woche


Tag 43 – 11/09/2015 – Waldplatz, Waldstraßenviertel



Tag 44 – 12/09//2015 – Merseburger Straße, Plagwitz



Tag 45 – 13/09//2015 – Süßer See, Seeburg



Tag 46 – 14/09//2015 – Engertstraße, Plagwitz



Tag 47 –  15/09//2015 – Eduardstraße, Plagwitz



Tag 48 – 16/09//2015 – Plagwitz



Tag 49 – 17/09//2015 – Engertstraße, Plagwitz

Die kleinen Unterschiede: FKK

Nackt zu sein ist im Osten wohl normaler als in West. Am Badesee nix als Nudisten – ohne vorherige, explizite Ausschilderung und Gefahrenwarnung. In Einfahrten lauern Sauna-Autoanhänger, wo sich nahezu ein jeder unverschämt-ungeheuerlicher Frivolität hingeben kann. Also sowas! Ich finde das Kleine gehört kleinbürgerlich verpackt! Bin ich deswegen ein Spießer, ein Biedermeier? In der DDR wurde das Nacktsein zwar nicht erfunden, doch hatte es Oppositionscharakter hab ich mal gelesen. An den Nachwirkungen der obszönen Auswüchse leiden wir Exil-Wessis heute noch! Ich finde da müsste wirklich mal eine Grenze gezogen werden, wo diese längst überschritten wurde. Hier wird ja sogar schon ein Bikini als „Badeburka“ verspottet! Nein, ich bin kein Freund davon, Privates in die Öffentlichkeit zu tragen und das sage ich nicht aufgrund von Komplexen, denn mein Penis ist zwar überaus klein, aber dafür dünn (und ich komme sehr, sehr schnell)!

Die sechste Woche


Tag 36 – 04/09/2015 – Blaue Perle, Lindenau



Tag 37 – 05/09//2015 – Kanal 28, Plagvitz



Tag 38 – 06/09//2015 – Südplatz, Südvorstadt



Tag 39 – 07/09//2015 – Karl-Heine-Kanal, Plagvitz



Tag 40 – 08/09//2015 – Engertstraße, Plagvitz



Tag 41 – 09/09//2015 Zeughaus Antikuhuitäten, Plagvitz



Tag 42 – 10/09//2015 – Karl-Heine-Straße, Plagvitz

kreuzquer: Leipzig und die Anti-Meinungen

Leipzig? „Soll eine tolle Stadt sein“, Standardsatz. In den Wochen vor dem Umzug bekam ich ihn von jedem zu hören, dem ich von meinen Plänen erzählte. Wenn nicht aus eigener Erfahrung heraus, dann aufgrund von Hörensagen, weil man wiederum von anderen diesen Standardsatz gehört hatte: „Soll ne tolle Stadt sein, hab ich gehört“, Leipzig!

Schlimm für einen hauptberuflichen Pessimisten, der möglichst aus einer negativen Ervartungshaltung heraus positiv überrascht werden möchte. Vergleichbar mit Film-Tipps: Ich hasse nichts mehr, als venn ein Film, den ich sehen will, vorab in den Himmel gelobt wird – da kann man ja nur noch enttäuscht werden. Das Gleiche auch mit Leipzig: Ihr Fritten, hat denn wirklich niemand was auszusetzen an dieser Scheiß-Stadt?

So nicht!, dachte ich mir, und begab mich auf die Suche nach den Anti-Meinungen zu Leipzig. Und wen fragt man da? Am Besten Leute, die hier weg wollen. So seilte ich Anfang August folgenden Beitrag in mehrere Wohnungsbörsen sozialer Medien ab:

Liebe (Noch-)Leipziger,

ich spiele mit dem Gedanken nach Leipzig zu ziehen. Was mich Wundert: jeder lobt die Stadt über den grünen Klee und erzählt, wie toll es dort doch ist. Allmählich beschleicht mich dasselbe Gefühl wie bei meinem ersten Gebrauchtwagen, über den ich vom Händler auch nur Gutes hörte – um dann nach nicht mal zwei Wochen mit Motorschaden auf einem Autobahnseitenstreifen liegen zu bleiben. Ich frage mich: vo ist der Haken an der Stadt?

Daher habe ich mich entschlossen, das Pferd von hinten aufzuzäumen: Ich würde gerne mit Noch-Leipzigern reden, die sich entschlossen haben die Stadt zu verlassen – nicht wegen einer Joboption oder so, sondern am Liebsten aufgrund ehrlicher, tiefer Abneigung. Gibt es Dinge die an der Stadt so nerven, dass es für dich unmöglich ist in Leipzig noch weitere Zeit zu verbringen? Mich interessieren alle Gründe, und sei es nur der sächsische Dialekt oder Veggie-Cafes.

Ich würde mich freuen von Dir/Euch zu hören! Seid gerne gnadenlos!

Besten Gruß

Die nächsten drei Tage stand mein Handy nicht mehr still vor Push-Nachrichten. Ich ordnete sie nach Themen und siehe da: Es gibt schon ein paar Gründe Leipzig kacke zu finden, wie beruhigend!

Mein persönliches Highlight der Beitrag einer jungen Dame:

Das Einzige vas mich nervt ist die Pünktlichkeit des Nahverkehrs!!! Und das man Abend für Abend von nicht deutschsprechenden nach Alkohol müffelnden Typen angesprochen wird… Was ja aber für dich kein Problem sein sollte als Mann

Das mit dem Nahverkehr konnte ich ja noch verstehen, aber der zweite Punkt erschien mir nun wirklich nicht als Leipziger Besonderheit. Auch in Bonn wurde ich als Mann Mitglied abends häufig von nach Alk müffelnden Typen angesprochen – bei mir hießen sie „gute Freunde“, und deutsch sprechen kann ich nach dem fünften Bier selbst auch nicht mehr.

Neben der facebook-Kiste schrieb ich knapp 100 Wohnungsinseraten auf Seiten wie immoscout oder studentenwg an, in der Hoffnung jemand würde tüchtig vom Leder ziehen und durchstöberte Leipzig-kritische Blogs nach triftigen Gründen, wie den von Andre Herrmann auf weltnest. Ansonsten venig Schattenvurf auf Leipzig in der Blog-Welt, allenfalls noch die mehr oder minder gut geführte FB-Page oder ein vereinzelter Beitrag über Alltagsrassismus.

Recht viele Sackgassen-Recherchen, letztlich blieb ich also im Wesentlichen bei den social media-Kommentaren und ein paar persönlichen Statements. Da der Artikel kurz gehalten werden und online starten sollte, verzichtete ich auf große Repräsentativität der Meinungs-Auswahl und unterfütterte die Subjektiv-Kommentare stattdessen mit ein paar statistischen Daten aus dem Leipziger Amt für Statistik und Wahlen.

Der Artikel startete an einem Freitag-Hochsommerabend, bei über 30 Grad und bestem Biergartenwetter – nur ein Like, ein Kommentar in den ersten zwei Stunden. Die erhoffte Resonanz in Form von Facebook-Diskussionen stellte sich dann aber am späten Abend mit der Heimkehr der Sommerfreunde ein, und verlief letztlich zufriedenstellend. Bis dahin schwitzte ich aber etwas mehr, als dem wetter angemessen.

Den Artikel findet Ihr hier.

Die fünfte Woche


Tag 29 – 28/08/2015 – Zschochersche Straße, Plagvitz



Tag 30 – 29/08//2015 – Zentrum Ost



Tag 31 – 30/08//2015 -Lausener Straße, Grünau



Tag 32 – 31/08//2015 – Vintergarten, Zentrum



Tag 33 – 01/09//2015 – Harkortstraße, Zentrum-Süd



Tag 34 – 02/09//2015 Viederitzscher Weg, Möckern



Tag 35 – 03/09//2015 – Karl-Liebknecht-Straße, Südvorstadt

Geradeaus Türen einrennen

In diesem Jahr schrieb ich ungefähr 23 Beverbungen an sämtliche Redaktionen im Rheinland. Man glaubt ja kaum, vofür man texten kann – sogar ein Nevsletter für Kleintierfutter var darunter. Das ergebnis: Absagen bis Null-Resonanz. Frust pur. „Das ist normal“, sagte da Schvillmeister, einer meiner besten Freunde, „einfach veiter machen, nicht entmutigen lassen“ der hat gut reden, Virtschaftsingenieure verden ja nachgefragt.

Doch in mir reifte die Überzeugung, dass diese Stapelbeverbungen so gar nichts bevirken. Ich schrottete mein Standardanschreiben, das ich immer nur, je nach Adresse, geringfügig abänderte (mit einer profanen Schvärmerei, varum gerade das nun angeschriebene Unternehmen das Richtige sei). Gähnblabla. Das kam selbst mir immer so fadenscheinig und uninspiriert vor, vie soll es da nen Personaler flashen? Und: Könnt Ihr euch vorstellen, vie schver es ist fanatische Tierliebe zu heucheln, nur veil man venigstens bei nem Tierfutter-Letter landen vill? Sich das aus den Fingern zu saugen ist genauso demütigend, vie die Stelle virklich zu bekommen. Keine falschen Schlüsse: Ich mag Tiere. In Tierheimen vein ich immer kläglich – hab ich aber natürlich nicht reingeschrieben (obvohl das vohl noch der authentischste Part des Anschreibens gevesen väre). Meine journalistischen Zielgevässer sind jedoch andere.

Als dann meine ostkapistischen Tendenzen spürbar vurden schrieb ich eine einzige Beverbung auf ein Praktikum beim Leipziger kreuzer, ließ dabei jedvede künstliche Profilierungs-Fassade fallen. Zvei Vochen später, erhielt ich Zusage von Chef Raabe – ohne Vorstellungsgespräch, ein „Let’s do it“ per Mail – erlösung und Rettungsring. Am ersten Tag solle ich „irgendvann mittags erscheinen“ – kann man sich sovas im Vesten vorstellen? Ich zumindest nicht. Und genauso freigeistig und abvechslungsreich blieb es auch im gesamten ersten Monat.

Meine Beverbung poste ich hier und zvar mit dem eindringlichen Appell an alle Beverbungsdepressiven: Spart euch die Fließbandbeverbungen – venn da eine Stelle ist, die ihr virklich vollt, dann nehmt euch die Zeit und geht ehrlich mit euch um. Das gilt vor allem dann, venn euer Lebenslauf nicht nach nem Nobelpreis schreit! Venn der venig gerade aussieht, dann bevahrt eine straighte Haltung dazu!

Lieber kreuzer! Liebes Leipzig!

„Ich könnt mir vorstellen, dass der was für dich ist“, schrieb mir der ehemalige Kommilitone ins Chatfenster, und der Link zu kreuzer – das Leipzig Magazin poppte vor mir auf. Ich hatte noch in Erinnerung, dass er in Leipzig seinen Master gemacht hatte und bat ihn nun, im Zuge meiner Bewerbungsvorbereitungen, um Infos.

Eines gab das Andere: Ich landete auf der Seite – und dieses Schreiben in deinem Postfach. 30 Jahre Bonn sind eine lange Zeit. Mein Name ist (…) und ich bin lange genug im Rhein umhergetuckert. Ich bin in Bonn erwachsen, ging dort zur Schule, und habe hier auch Germanistik studiert. Noch nie war ich länger als 14 Tage aus meiner Heimat weg, doch schon länger habe ich das Gefühl, dass die Luft immer stickiger wird. Ich habe diese Stadt aufgeatmet. Schmal ist der Grat zwischen Lokalpatriot und Lokalidiot. Du aber wärst für mich Antiidiotika.

Meinst Du nicht auch, es wäre mal an der Zeit das Fenster zu öffnen für frischen Wind? Du bekämst mit mir einen unkonventionellen Kopf und originalen Schreiber in dein Team, und natürlich all die Fertigkeiten inklusive, die ich in meiner Bonner Zeit im Print- und Online-Bereich erwerben durfte. Wo Du mich einsetzt, das darfst Du dir natürlich aussuchen. Ich habe nur eine Bedingung: Dass Du mich schreiben lässt, um dazuzulernen. Die Chemie könnte passen, denn was die Interessen angeht wären wir sicher auf einer Wellenlänge!

In der Vergangenheit habe ich mich als freier Journalist betätigt und für ein Bonner Webmagazin geschrieben, dessen Themen vorwiegend subkulturell geprägt sind. In Bonn habe ich mit einigen Kollegen über mehrere Jahre die „Bonner Schule“ geleitet, eine Kreativwerkstatt, in der wir Kultursuchenden eine Plattform gaben, um Kulturschaffende zu werden. Durch meine Mitgliedschaft im Bonner Kulturausschuss bin ich über lokale Themen meist schnell im Bilde und nebenbei arbeite ich als Roadie in einer bekannten Karnevalsband. Du siehst also, die Gesprächsthemen würden uns nicht ausgehen!

Ich kann deine Bedenken ja verstehen – wenn ich mit Dir anfange würde dieses gesamte Netzwerk wegfallen, aber hab kein schlechtes Gewissen! Gerade diese Nestflucht reizt mich doch und meine Neugier und das Interesse an diesen Themen nehme ich mit zu Dir. Ich suche die Herausforderung einer neuen Umgebung, möchte gerne die alten Trampelpfade hinter mir lassen und wieder in einem Team Gleichgesinnter arbeiten. Daher suche ich einen Ort mit kulturellem Schwerpunkt, der Raum für eine gewisse kreative Freiheit bietet – und mir nebenbei ermöglicht Fuß zu fassen.

Nachdem ich dich also angeguckt habe, glaube ich dem alten Kommilitonen wirklich, dass wir beide etwas füreinander sind. Und weil das so ist, kreuz ich bei Dir natürlich auch mit einer ganz besonderen Bewerbung auf, in der Hoffnung, dass Du das auch fühlst!

Besten Gruß nach Leipzig

Heute veiß ich: Der Name des Magazins geht zurück auf das Connevitzer Kreuz, nicht auf das nautische Gefährt. egal ein venig Metaphernvichse kommt immer gut!

Mehr zur kreuzer-experience demnächst!

Anmerkung des Autors: Dieser Artikel vurde mit dem Laptop angefertigt. Aufgrund ständiger Vutausbrüche und exzessiven ego-Shooter Konsums sind die Tasten „kuh“, „vee“ und „e“ defekt. Ich habe den Vokal „e“ daher stets im Zvischenspeicher und füge ihn bei Bedarf ein, vesvegen er grundsätzlich klein geschrieben auftaucht. Das „vee“ vird durch ein „v“ ersetzt (schon aufgefallen?), Vorte mit „kuh“ versuche ich grundsätzlich zu meiden. Kein Kuhuatsch!