Trotzburg

Kein anderes Gebäude in Plagwitz zieht mich so in den Bann wie die alte Maschinenfabrik Swiderski. Erbaut im ausgehenden 19. Jahrhundert, wurden dort Buchdruck- und Dampfmaschinen gefertigt, ehe 1990 die Wende der ansässigen Industrie die Wettbewerbsfähigkeit stahl. Wie ganz Plagwitz zum Industriefriedhof wurde, verwaiste auch die Swiderskifabrik an der Zschocherschen Straße 78. Schon seit Wochen reizte es mich, dort einmal einzusteigen, am 11. Oktober war es dann soweit.

Besuch aus Bonn: Wolfram. Er hat viele Jahre hier gelebt. Als er Familie bekam ist er in den Westen gezogen, wo er mittlerweile als Manager für ein großes Mobilfunkunternehmen arbeitet und für seine Familie die Steine aus dem Feuer holt. Er hat in Leipzig Germanistik studiert und später ein Fernstudium der Wirtschaftsinformatik draufgepackt. Der Osten reizt ihn immer wieder, auch der ferne: Seine Frau ist Japanerin. Wirtschaftliche Erfordernisse ließen ihn den Weg ins Office einschlagen, doch seine kreative Leidenschaft gilt der Fotografie. Als ich ihm vor ein paar Wochen von der Fabrikruine Swiderski berichtete, war er direkt Feuer und Flamme und ein paar Wochen stattete er uns mit seiner Familie einen Kurzbesuch ab.

An einem Sonntagnachmittag gelingt es uns dann der häuslichen Enge zu entfliehen und uns aufzumachen. Das Wetter meint es gut mit uns: 13 Grad, Sonne, klares Licht. Wir setzen uns in ein Cafe an der Karl-Heine-Straße. und er gibt mir eine kleine Einweisung in die Funktionen seiner Kamera. Ich experimentiere an ein paar Blumen mit Tiefenschärfe-Effekten während er ein Bier trinkt und raucht. Das Familienleben macht alle drei Tätigkeiten sonst eher schwierig für ihn, vermute ich.

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An der Fabrik angekommen suchten wir Einlass, finden ein zerschlagenes Fenster zur Ostseite. Direkt hinter dem kleinen Vorraum schreiten wir in die längliche Haupthalle. Ein Raum mit langer Flucht. Zur linken und rechten Seite stemmten Stahlträger die Empore, die schmal oben entlang der Seitenwände verläuft. Auf dem Boden Schutt in jung und alt: Zwischen zersplittertem Glas, Scherben und Ziegelsteinen mischen sich Bierdeckel, alte Trinkpäckchen, Verpackungsmüll und angerostete Spraydosen im Scheinwerfer des aus den Seitenfenstern einfallendem Sonnenlichts.

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Die Szenerie: postapokalyptisch.

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Wir sind nicht die einzigen Stalker in diesem verfallenen Ort. Irgendwo hinten wallhallen elektronische Beatz durch den Raum, das Klicken von geschüttelten Spraydosen ist immer wieder zu vernehmen. Auf der Empore stoßen wir auf eine Fotografin und ihre Begleiterin. Wir bauen das Stativ auf und machen Weitwinkel-Shots von der Fabrikhalle.

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Was verlassen anheimelt wird bei genauer Betrachtung zu einem Zeugnis ständiger Wiederkehr im Laufe der Zeit. Kaum ein Fleck in dieser Halle ist unberührt, überall haben Menschen ihre Signaturen gesetzt – seien es die Malereien und Schriftzüge auf den Wänden oder schlicht die Überreste aus Müll zu unseren Füßen. Die Fabrik ist erloschen, doch lebt nach ihrem Untergang durch ihre Besucher weiter, die wie auch das Grün den Raum zurückerobern. Aus jeder Fuge der Mauern dringt Natur oder Kunst.

An der Südseite der Fabrikhalle schließt sich eine ebenso lange, aber etwas schmalere Vorhalle an. Da der Raum nach oben hin mit einem spitz zulaufenden Glasdach abgeschlossen ist, sind die Lichtverhältnisse deutlich heller, was sich nicht zuletzt an zahlreichen Gewächsen bemerkbar macht, die hier Nischen besetzt haben. Auch der Blick auf den charakteristischen Fabrik-Turm ist aus der Halle heraus möglich. Wieder machen wir ein paar Panorama-Fotos.

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Am Westende der Halle gehe ich ein wenig auf eigene Faust, erklimme eine Treppe und stoße auf einen Mauerbruch der einen Blick auf den Gewerbepark Plagwitz offeriert. Die Sonne neigt sich dem Ende zu und durch die vermehrte Rotanteil des beginnenden Sonnenunterganges erhält die Belichtung der Fotos einen wärmeren Touch. Da wundere ich mich, dass das auch ganz ohne Instagram-Schieberegler möglich ist. Toll.

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Ich finde einige Motive für Nahaufnahmen. Im länglichen Nachbarraum hat sich an der Nordwand scheinbar eine Feuchtigkeitsquelle eingeschlichen. Der erodierte Wandverputz hat die Ziegelsteinmauer freigelegt, aus deren Beton-Fugen Pflanzengrün sprießt. Direkt darunter ist der Boden eingestürzt und ringsum hat die jahrelange Feuchtigkeit den Boden gewellt. Ringsum ist er spürbar morsch und gibt nach.

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Das Licht wird knapper und allmählich führen wir unsere Pilgerfahrt dem Ende entgegen, schreiten, das ein oder andere Motiv noch abschießend, durch ihr neo-gotische Kirchenschiff dem Fenster-Ausgang entgegen, treten aus wie ehedem eingetreten.

Die ganze Fabrik Swiderski lässt sich nicht in der Totale einfangen und so knipse ich die Vorderseite zur Zschocherschen und die Vorderhalle mit der Glasbedachung separat von der Südseite ab.

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Fazit: Ich denke ich bin als dilettantischer „take away smartphone grammer“ eher bei meinen leisten als in der gehobeneren Photographie. Nicht zuletzt wegen meines angeborenen Symmetriefehlers, den ich beim einparken schon immer merke, und der dazu führt, dass die Fotos oft etwas schief sind. Leider verfügte die Kamera auch nicht über eine Waage.

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Wolfram hat es Spaß gemacht, so mein Eindruck, als wir zurück gen Lindenau laufen. Ein wenig kreative Erholung ostseits der regelbetrieblichen Werktags-Routinen konnte er heute finden – in einem Industriegrab, das einst genau eine solche graue Alltags-Monotonie produzierte. Heute ist es als Andachtsort neu belebt und der neo-gotische Bau eine echte Kathedrale – für Ostkapisten wie ihn, die Andacht an ihr kreativeres Selbst finden, das im Westen einzufallen droht. Eine echte Trotzburg.

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kreuzquer: Leipzig und die Anti-Meinungen

Leipzig? „Soll eine tolle Stadt sein“, Standardsatz. In den Wochen vor dem Umzug bekam ich ihn von jedem zu hören, dem ich von meinen Plänen erzählte. Wenn nicht aus eigener Erfahrung heraus, dann aufgrund von Hörensagen, weil man wiederum von anderen diesen Standardsatz gehört hatte: „Soll ne tolle Stadt sein, hab ich gehört“, Leipzig!

Schlimm für einen hauptberuflichen Pessimisten, der möglichst aus einer negativen Ervartungshaltung heraus positiv überrascht werden möchte. Vergleichbar mit Film-Tipps: Ich hasse nichts mehr, als venn ein Film, den ich sehen will, vorab in den Himmel gelobt wird – da kann man ja nur noch enttäuscht werden. Das Gleiche auch mit Leipzig: Ihr Fritten, hat denn wirklich niemand was auszusetzen an dieser Scheiß-Stadt?

So nicht!, dachte ich mir, und begab mich auf die Suche nach den Anti-Meinungen zu Leipzig. Und wen fragt man da? Am Besten Leute, die hier weg wollen. So seilte ich Anfang August folgenden Beitrag in mehrere Wohnungsbörsen sozialer Medien ab:

Liebe (Noch-)Leipziger,

ich spiele mit dem Gedanken nach Leipzig zu ziehen. Was mich Wundert: jeder lobt die Stadt über den grünen Klee und erzählt, wie toll es dort doch ist. Allmählich beschleicht mich dasselbe Gefühl wie bei meinem ersten Gebrauchtwagen, über den ich vom Händler auch nur Gutes hörte – um dann nach nicht mal zwei Wochen mit Motorschaden auf einem Autobahnseitenstreifen liegen zu bleiben. Ich frage mich: vo ist der Haken an der Stadt?

Daher habe ich mich entschlossen, das Pferd von hinten aufzuzäumen: Ich würde gerne mit Noch-Leipzigern reden, die sich entschlossen haben die Stadt zu verlassen – nicht wegen einer Joboption oder so, sondern am Liebsten aufgrund ehrlicher, tiefer Abneigung. Gibt es Dinge die an der Stadt so nerven, dass es für dich unmöglich ist in Leipzig noch weitere Zeit zu verbringen? Mich interessieren alle Gründe, und sei es nur der sächsische Dialekt oder Veggie-Cafes.

Ich würde mich freuen von Dir/Euch zu hören! Seid gerne gnadenlos!

Besten Gruß

Die nächsten drei Tage stand mein Handy nicht mehr still vor Push-Nachrichten. Ich ordnete sie nach Themen und siehe da: Es gibt schon ein paar Gründe Leipzig kacke zu finden, wie beruhigend!

Mein persönliches Highlight der Beitrag einer jungen Dame:

Das Einzige vas mich nervt ist die Pünktlichkeit des Nahverkehrs!!! Und das man Abend für Abend von nicht deutschsprechenden nach Alkohol müffelnden Typen angesprochen wird… Was ja aber für dich kein Problem sein sollte als Mann

Das mit dem Nahverkehr konnte ich ja noch verstehen, aber der zweite Punkt erschien mir nun wirklich nicht als Leipziger Besonderheit. Auch in Bonn wurde ich als Mann Mitglied abends häufig von nach Alk müffelnden Typen angesprochen – bei mir hießen sie „gute Freunde“, und deutsch sprechen kann ich nach dem fünften Bier selbst auch nicht mehr.

Neben der facebook-Kiste schrieb ich knapp 100 Wohnungsinseraten auf Seiten wie immoscout oder studentenwg an, in der Hoffnung jemand würde tüchtig vom Leder ziehen und durchstöberte Leipzig-kritische Blogs nach triftigen Gründen, wie den von Andre Herrmann auf weltnest. Ansonsten venig Schattenvurf auf Leipzig in der Blog-Welt, allenfalls noch die mehr oder minder gut geführte FB-Page oder ein vereinzelter Beitrag über Alltagsrassismus.

Recht viele Sackgassen-Recherchen, letztlich blieb ich also im Wesentlichen bei den social media-Kommentaren und ein paar persönlichen Statements. Da der Artikel kurz gehalten werden und online starten sollte, verzichtete ich auf große Repräsentativität der Meinungs-Auswahl und unterfütterte die Subjektiv-Kommentare stattdessen mit ein paar statistischen Daten aus dem Leipziger Amt für Statistik und Wahlen.

Der Artikel startete an einem Freitag-Hochsommerabend, bei über 30 Grad und bestem Biergartenwetter – nur ein Like, ein Kommentar in den ersten zwei Stunden. Die erhoffte Resonanz in Form von Facebook-Diskussionen stellte sich dann aber am späten Abend mit der Heimkehr der Sommerfreunde ein, und verlief letztlich zufriedenstellend. Bis dahin schwitzte ich aber etwas mehr, als dem wetter angemessen.

Den Artikel findet Ihr hier.