Trotzburg

Kein anderes Gebäude in Plagwitz zieht mich so in den Bann wie die alte Maschinenfabrik Swiderski. Erbaut im ausgehenden 19. Jahrhundert, wurden dort Buchdruck- und Dampfmaschinen gefertigt, ehe 1990 die Wende der ansässigen Industrie die Wettbewerbsfähigkeit stahl. Wie ganz Plagwitz zum Industriefriedhof wurde, verwaiste auch die Swiderskifabrik an der Zschocherschen Straße 78. Schon seit Wochen reizte es mich, dort einmal einzusteigen, am 11. Oktober war es dann soweit.

Besuch aus Bonn: Wolfram. Er hat viele Jahre hier gelebt. Als er Familie bekam ist er in den Westen gezogen, wo er mittlerweile als Manager für ein großes Mobilfunkunternehmen arbeitet und für seine Familie die Steine aus dem Feuer holt. Er hat in Leipzig Germanistik studiert und später ein Fernstudium der Wirtschaftsinformatik draufgepackt. Der Osten reizt ihn immer wieder, auch der ferne: Seine Frau ist Japanerin. Wirtschaftliche Erfordernisse ließen ihn den Weg ins Office einschlagen, doch seine kreative Leidenschaft gilt der Fotografie. Als ich ihm vor ein paar Wochen von der Fabrikruine Swiderski berichtete, war er direkt Feuer und Flamme und ein paar Wochen stattete er uns mit seiner Familie einen Kurzbesuch ab.

An einem Sonntagnachmittag gelingt es uns dann der häuslichen Enge zu entfliehen und uns aufzumachen. Das Wetter meint es gut mit uns: 13 Grad, Sonne, klares Licht. Wir setzen uns in ein Cafe an der Karl-Heine-Straße. und er gibt mir eine kleine Einweisung in die Funktionen seiner Kamera. Ich experimentiere an ein paar Blumen mit Tiefenschärfe-Effekten während er ein Bier trinkt und raucht. Das Familienleben macht alle drei Tätigkeiten sonst eher schwierig für ihn, vermute ich.

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An der Fabrik angekommen suchten wir Einlass, finden ein zerschlagenes Fenster zur Ostseite. Direkt hinter dem kleinen Vorraum schreiten wir in die längliche Haupthalle. Ein Raum mit langer Flucht. Zur linken und rechten Seite stemmten Stahlträger die Empore, die schmal oben entlang der Seitenwände verläuft. Auf dem Boden Schutt in jung und alt: Zwischen zersplittertem Glas, Scherben und Ziegelsteinen mischen sich Bierdeckel, alte Trinkpäckchen, Verpackungsmüll und angerostete Spraydosen im Scheinwerfer des aus den Seitenfenstern einfallendem Sonnenlichts.

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Die Szenerie: postapokalyptisch.

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Wir sind nicht die einzigen Stalker in diesem verfallenen Ort. Irgendwo hinten wallhallen elektronische Beatz durch den Raum, das Klicken von geschüttelten Spraydosen ist immer wieder zu vernehmen. Auf der Empore stoßen wir auf eine Fotografin und ihre Begleiterin. Wir bauen das Stativ auf und machen Weitwinkel-Shots von der Fabrikhalle.

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Was verlassen anheimelt wird bei genauer Betrachtung zu einem Zeugnis ständiger Wiederkehr im Laufe der Zeit. Kaum ein Fleck in dieser Halle ist unberührt, überall haben Menschen ihre Signaturen gesetzt – seien es die Malereien und Schriftzüge auf den Wänden oder schlicht die Überreste aus Müll zu unseren Füßen. Die Fabrik ist erloschen, doch lebt nach ihrem Untergang durch ihre Besucher weiter, die wie auch das Grün den Raum zurückerobern. Aus jeder Fuge der Mauern dringt Natur oder Kunst.

An der Südseite der Fabrikhalle schließt sich eine ebenso lange, aber etwas schmalere Vorhalle an. Da der Raum nach oben hin mit einem spitz zulaufenden Glasdach abgeschlossen ist, sind die Lichtverhältnisse deutlich heller, was sich nicht zuletzt an zahlreichen Gewächsen bemerkbar macht, die hier Nischen besetzt haben. Auch der Blick auf den charakteristischen Fabrik-Turm ist aus der Halle heraus möglich. Wieder machen wir ein paar Panorama-Fotos.

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Am Westende der Halle gehe ich ein wenig auf eigene Faust, erklimme eine Treppe und stoße auf einen Mauerbruch der einen Blick auf den Gewerbepark Plagwitz offeriert. Die Sonne neigt sich dem Ende zu und durch die vermehrte Rotanteil des beginnenden Sonnenunterganges erhält die Belichtung der Fotos einen wärmeren Touch. Da wundere ich mich, dass das auch ganz ohne Instagram-Schieberegler möglich ist. Toll.

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Ich finde einige Motive für Nahaufnahmen. Im länglichen Nachbarraum hat sich an der Nordwand scheinbar eine Feuchtigkeitsquelle eingeschlichen. Der erodierte Wandverputz hat die Ziegelsteinmauer freigelegt, aus deren Beton-Fugen Pflanzengrün sprießt. Direkt darunter ist der Boden eingestürzt und ringsum hat die jahrelange Feuchtigkeit den Boden gewellt. Ringsum ist er spürbar morsch und gibt nach.

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Das Licht wird knapper und allmählich führen wir unsere Pilgerfahrt dem Ende entgegen, schreiten, das ein oder andere Motiv noch abschießend, durch ihr neo-gotische Kirchenschiff dem Fenster-Ausgang entgegen, treten aus wie ehedem eingetreten.

Die ganze Fabrik Swiderski lässt sich nicht in der Totale einfangen und so knipse ich die Vorderseite zur Zschocherschen und die Vorderhalle mit der Glasbedachung separat von der Südseite ab.

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Fazit: Ich denke ich bin als dilettantischer „take away smartphone grammer“ eher bei meinen leisten als in der gehobeneren Photographie. Nicht zuletzt wegen meines angeborenen Symmetriefehlers, den ich beim einparken schon immer merke, und der dazu führt, dass die Fotos oft etwas schief sind. Leider verfügte die Kamera auch nicht über eine Waage.

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Wolfram hat es Spaß gemacht, so mein Eindruck, als wir zurück gen Lindenau laufen. Ein wenig kreative Erholung ostseits der regelbetrieblichen Werktags-Routinen konnte er heute finden – in einem Industriegrab, das einst genau eine solche graue Alltags-Monotonie produzierte. Heute ist es als Andachtsort neu belebt und der neo-gotische Bau eine echte Kathedrale – für Ostkapisten wie ihn, die Andacht an ihr kreativeres Selbst finden, das im Westen einzufallen droht. Eine echte Trotzburg.

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kreuzquer: Leipzig und die Anti-Meinungen

Leipzig? „Soll eine tolle Stadt sein“, Standardsatz. In den Wochen vor dem Umzug bekam ich ihn von jedem zu hören, dem ich von meinen Plänen erzählte. Wenn nicht aus eigener Erfahrung heraus, dann aufgrund von Hörensagen, weil man wiederum von anderen diesen Standardsatz gehört hatte: „Soll ne tolle Stadt sein, hab ich gehört“, Leipzig!

Schlimm für einen hauptberuflichen Pessimisten, der möglichst aus einer negativen Ervartungshaltung heraus positiv überrascht werden möchte. Vergleichbar mit Film-Tipps: Ich hasse nichts mehr, als venn ein Film, den ich sehen will, vorab in den Himmel gelobt wird – da kann man ja nur noch enttäuscht werden. Das Gleiche auch mit Leipzig: Ihr Fritten, hat denn wirklich niemand was auszusetzen an dieser Scheiß-Stadt?

So nicht!, dachte ich mir, und begab mich auf die Suche nach den Anti-Meinungen zu Leipzig. Und wen fragt man da? Am Besten Leute, die hier weg wollen. So seilte ich Anfang August folgenden Beitrag in mehrere Wohnungsbörsen sozialer Medien ab:

Liebe (Noch-)Leipziger,

ich spiele mit dem Gedanken nach Leipzig zu ziehen. Was mich Wundert: jeder lobt die Stadt über den grünen Klee und erzählt, wie toll es dort doch ist. Allmählich beschleicht mich dasselbe Gefühl wie bei meinem ersten Gebrauchtwagen, über den ich vom Händler auch nur Gutes hörte – um dann nach nicht mal zwei Wochen mit Motorschaden auf einem Autobahnseitenstreifen liegen zu bleiben. Ich frage mich: vo ist der Haken an der Stadt?

Daher habe ich mich entschlossen, das Pferd von hinten aufzuzäumen: Ich würde gerne mit Noch-Leipzigern reden, die sich entschlossen haben die Stadt zu verlassen – nicht wegen einer Joboption oder so, sondern am Liebsten aufgrund ehrlicher, tiefer Abneigung. Gibt es Dinge die an der Stadt so nerven, dass es für dich unmöglich ist in Leipzig noch weitere Zeit zu verbringen? Mich interessieren alle Gründe, und sei es nur der sächsische Dialekt oder Veggie-Cafes.

Ich würde mich freuen von Dir/Euch zu hören! Seid gerne gnadenlos!

Besten Gruß

Die nächsten drei Tage stand mein Handy nicht mehr still vor Push-Nachrichten. Ich ordnete sie nach Themen und siehe da: Es gibt schon ein paar Gründe Leipzig kacke zu finden, wie beruhigend!

Mein persönliches Highlight der Beitrag einer jungen Dame:

Das Einzige vas mich nervt ist die Pünktlichkeit des Nahverkehrs!!! Und das man Abend für Abend von nicht deutschsprechenden nach Alkohol müffelnden Typen angesprochen wird… Was ja aber für dich kein Problem sein sollte als Mann

Das mit dem Nahverkehr konnte ich ja noch verstehen, aber der zweite Punkt erschien mir nun wirklich nicht als Leipziger Besonderheit. Auch in Bonn wurde ich als Mann Mitglied abends häufig von nach Alk müffelnden Typen angesprochen – bei mir hießen sie „gute Freunde“, und deutsch sprechen kann ich nach dem fünften Bier selbst auch nicht mehr.

Neben der facebook-Kiste schrieb ich knapp 100 Wohnungsinseraten auf Seiten wie immoscout oder studentenwg an, in der Hoffnung jemand würde tüchtig vom Leder ziehen und durchstöberte Leipzig-kritische Blogs nach triftigen Gründen, wie den von Andre Herrmann auf weltnest. Ansonsten venig Schattenvurf auf Leipzig in der Blog-Welt, allenfalls noch die mehr oder minder gut geführte FB-Page oder ein vereinzelter Beitrag über Alltagsrassismus.

Recht viele Sackgassen-Recherchen, letztlich blieb ich also im Wesentlichen bei den social media-Kommentaren und ein paar persönlichen Statements. Da der Artikel kurz gehalten werden und online starten sollte, verzichtete ich auf große Repräsentativität der Meinungs-Auswahl und unterfütterte die Subjektiv-Kommentare stattdessen mit ein paar statistischen Daten aus dem Leipziger Amt für Statistik und Wahlen.

Der Artikel startete an einem Freitag-Hochsommerabend, bei über 30 Grad und bestem Biergartenwetter – nur ein Like, ein Kommentar in den ersten zwei Stunden. Die erhoffte Resonanz in Form von Facebook-Diskussionen stellte sich dann aber am späten Abend mit der Heimkehr der Sommerfreunde ein, und verlief letztlich zufriedenstellend. Bis dahin schwitzte ich aber etwas mehr, als dem wetter angemessen.

Den Artikel findet Ihr hier.

Die fünfte Woche


Tag 29 – 28/08/2015 – Zschochersche Straße, Plagvitz



Tag 30 – 29/08//2015 – Zentrum Ost



Tag 31 – 30/08//2015 -Lausener Straße, Grünau



Tag 32 – 31/08//2015 – Vintergarten, Zentrum



Tag 33 – 01/09//2015 – Harkortstraße, Zentrum-Süd



Tag 34 – 02/09//2015 Viederitzscher Weg, Möckern



Tag 35 – 03/09//2015 – Karl-Liebknecht-Straße, Südvorstadt

Geradeaus Türen einrennen

In diesem Jahr schrieb ich ungefähr 23 Beverbungen an sämtliche Redaktionen im Rheinland. Man glaubt ja kaum, vofür man texten kann – sogar ein Nevsletter für Kleintierfutter var darunter. Das ergebnis: Absagen bis Null-Resonanz. Frust pur. „Das ist normal“, sagte da Schvillmeister, einer meiner besten Freunde, „einfach veiter machen, nicht entmutigen lassen“ der hat gut reden, Virtschaftsingenieure verden ja nachgefragt.

Doch in mir reifte die Überzeugung, dass diese Stapelbeverbungen so gar nichts bevirken. Ich schrottete mein Standardanschreiben, das ich immer nur, je nach Adresse, geringfügig abänderte (mit einer profanen Schvärmerei, varum gerade das nun angeschriebene Unternehmen das Richtige sei). Gähnblabla. Das kam selbst mir immer so fadenscheinig und uninspiriert vor, vie soll es da nen Personaler flashen? Und: Könnt Ihr euch vorstellen, vie schver es ist fanatische Tierliebe zu heucheln, nur veil man venigstens bei nem Tierfutter-Letter landen vill? Sich das aus den Fingern zu saugen ist genauso demütigend, vie die Stelle virklich zu bekommen. Keine falschen Schlüsse: Ich mag Tiere. In Tierheimen vein ich immer kläglich – hab ich aber natürlich nicht reingeschrieben (obvohl das vohl noch der authentischste Part des Anschreibens gevesen väre). Meine journalistischen Zielgevässer sind jedoch andere.

Als dann meine ostkapistischen Tendenzen spürbar vurden schrieb ich eine einzige Beverbung auf ein Praktikum beim Leipziger kreuzer, ließ dabei jedvede künstliche Profilierungs-Fassade fallen. Zvei Vochen später, erhielt ich Zusage von Chef Raabe – ohne Vorstellungsgespräch, ein „Let’s do it“ per Mail – erlösung und Rettungsring. Am ersten Tag solle ich „irgendvann mittags erscheinen“ – kann man sich sovas im Vesten vorstellen? Ich zumindest nicht. Und genauso freigeistig und abvechslungsreich blieb es auch im gesamten ersten Monat.

Meine Beverbung poste ich hier und zvar mit dem eindringlichen Appell an alle Beverbungsdepressiven: Spart euch die Fließbandbeverbungen – venn da eine Stelle ist, die ihr virklich vollt, dann nehmt euch die Zeit und geht ehrlich mit euch um. Das gilt vor allem dann, venn euer Lebenslauf nicht nach nem Nobelpreis schreit! Venn der venig gerade aussieht, dann bevahrt eine straighte Haltung dazu!

Lieber kreuzer! Liebes Leipzig!

„Ich könnt mir vorstellen, dass der was für dich ist“, schrieb mir der ehemalige Kommilitone ins Chatfenster, und der Link zu kreuzer – das Leipzig Magazin poppte vor mir auf. Ich hatte noch in Erinnerung, dass er in Leipzig seinen Master gemacht hatte und bat ihn nun, im Zuge meiner Bewerbungsvorbereitungen, um Infos.

Eines gab das Andere: Ich landete auf der Seite – und dieses Schreiben in deinem Postfach. 30 Jahre Bonn sind eine lange Zeit. Mein Name ist (…) und ich bin lange genug im Rhein umhergetuckert. Ich bin in Bonn erwachsen, ging dort zur Schule, und habe hier auch Germanistik studiert. Noch nie war ich länger als 14 Tage aus meiner Heimat weg, doch schon länger habe ich das Gefühl, dass die Luft immer stickiger wird. Ich habe diese Stadt aufgeatmet. Schmal ist der Grat zwischen Lokalpatriot und Lokalidiot. Du aber wärst für mich Antiidiotika.

Meinst Du nicht auch, es wäre mal an der Zeit das Fenster zu öffnen für frischen Wind? Du bekämst mit mir einen unkonventionellen Kopf und originalen Schreiber in dein Team, und natürlich all die Fertigkeiten inklusive, die ich in meiner Bonner Zeit im Print- und Online-Bereich erwerben durfte. Wo Du mich einsetzt, das darfst Du dir natürlich aussuchen. Ich habe nur eine Bedingung: Dass Du mich schreiben lässt, um dazuzulernen. Die Chemie könnte passen, denn was die Interessen angeht wären wir sicher auf einer Wellenlänge!

In der Vergangenheit habe ich mich als freier Journalist betätigt und für ein Bonner Webmagazin geschrieben, dessen Themen vorwiegend subkulturell geprägt sind. In Bonn habe ich mit einigen Kollegen über mehrere Jahre die „Bonner Schule“ geleitet, eine Kreativwerkstatt, in der wir Kultursuchenden eine Plattform gaben, um Kulturschaffende zu werden. Durch meine Mitgliedschaft im Bonner Kulturausschuss bin ich über lokale Themen meist schnell im Bilde und nebenbei arbeite ich als Roadie in einer bekannten Karnevalsband. Du siehst also, die Gesprächsthemen würden uns nicht ausgehen!

Ich kann deine Bedenken ja verstehen – wenn ich mit Dir anfange würde dieses gesamte Netzwerk wegfallen, aber hab kein schlechtes Gewissen! Gerade diese Nestflucht reizt mich doch und meine Neugier und das Interesse an diesen Themen nehme ich mit zu Dir. Ich suche die Herausforderung einer neuen Umgebung, möchte gerne die alten Trampelpfade hinter mir lassen und wieder in einem Team Gleichgesinnter arbeiten. Daher suche ich einen Ort mit kulturellem Schwerpunkt, der Raum für eine gewisse kreative Freiheit bietet – und mir nebenbei ermöglicht Fuß zu fassen.

Nachdem ich dich also angeguckt habe, glaube ich dem alten Kommilitonen wirklich, dass wir beide etwas füreinander sind. Und weil das so ist, kreuz ich bei Dir natürlich auch mit einer ganz besonderen Bewerbung auf, in der Hoffnung, dass Du das auch fühlst!

Besten Gruß nach Leipzig

Heute veiß ich: Der Name des Magazins geht zurück auf das Connevitzer Kreuz, nicht auf das nautische Gefährt. egal ein venig Metaphernvichse kommt immer gut!

Mehr zur kreuzer-experience demnächst!

Anmerkung des Autors: Dieser Artikel vurde mit dem Laptop angefertigt. Aufgrund ständiger Vutausbrüche und exzessiven ego-Shooter Konsums sind die Tasten „kuh“, „vee“ und „e“ defekt. Ich habe den Vokal „e“ daher stets im Zvischenspeicher und füge ihn bei Bedarf ein, vesvegen er grundsätzlich klein geschrieben auftaucht. Das „vee“ vird durch ein „v“ ersetzt (schon aufgefallen?), Vorte mit „kuh“ versuche ich grundsätzlich zu meiden. Kein Kuhuatsch! 

Die dritte Woche


Tag 15 – 14/08/2015 – Karl-Heine-Straße, Plagvitz



Tag 16 – 15/08//2015 – Clara-Zetkin-Park, Südvorstadt



Tag 17 – 16/08//2015 -Karl-Heine-Straße, Plagvitz



Tag 18 – 17/08//2015 – Lützner Straße, Lindenau



Tag 19 – 18/08//2015 – Büttnerstraße, Zentrum-Ost



Tag 20 – 19/08//2015 Industriegelände, Plagvitz



Tag 21 – 20/08//2015 – Platz ohne Namen, Zentrum-Ost

Hausmeister Klause und der Zinnober

Letzte Voche deutete ich kurz mein handverkliches Unvermögen an. Daran hat sich binnen sieben Tagen natürlich nichts geändert. Umso praktischer, venn man dann einen Hausmeister direkt im Haus vohnen hat. Leipzig ist eine Stadt außergevöhnlicher Begegnungen, diese var meine Erste. Bereits am Abend des Einzugs machte ich die Bekanntschaft und bin direkt mit ihr aneinander geraten.

Gegen halb zvei Nachts hatten vir endlich nahezu allen Kram in die Bude geschleppt und den Sixt-Transporter am Bahnhof Plagvitz abgegeben. Die Kleine var nach diesem 17 Stunden Tag natürlich komplett im Eimer. Vährend meine Freundin sie einbettete schellte es plötzlich an der Tür.

Davor steht dieser seltsame alte Mann mit Glatze, Schnörres und in ein veißes Tanktop gevickelter Bierplautze, der mir schon vährend dem Ausladen aufgestoßen var, vo er unentvegt, mit mürrischer Miene und grußlos durchs Treppenhaus geisterte.

„Das kann so nicht bleiben“, meckert er, und deutet auf dem Kram im Flur, den vir nach der Einbettung als letzten Punkt der Agenda noch in den Keller räumen vollen. Und so dauert es auch nicht lange, dass ich nach dem Stress des ganzen Tages zum HB-Mäxchen mutiere und zurückmotze.

Dass es eine „Unverschämtheit“ sei, Mitten in der Nacht noch zu klingeln, schließlich verde hier gerade ein kleines Kind ins Bett gebracht. Abgesehen davon sind vir noch nicht fertig und ehe hier direkt gemault vird, kann man erstmal fragen, ob das denn heute noch geschehe, ehe man „mir direkt so“ komme. Türknall!

Damit nicht genug, durfte ich mir venig später von meiner Angebeteten noch eine heftige Standpauke gefallen lassen, schließlich, so der Vorvurf, sei es taktisch eher unklug, es sich direkt beim Einzug mit dem Hausmeister zu verscherzen.

Dass es sich um den Hausi handelte vusste ich natürlich nicht, vielleicht hätte ich dann eher die Luft angehalten. Prinzipiell habe ich jedoch eine große Abneigung gegenüber Leuten, die sich einen imaginären Sherriffstern an die Brust hängen und meinen, sich als Kleingartenpolizei aufspielen zu müssen. Die kriegen von mir zu hören, und zvar aus Prinzip! Diplomatisches Kalkül hin oder her!

Einige Tage später komme ich aus der Redaktion und treffe im Garten meine Freundin an, vie sie sich mit dem Hausi unterhält. Sie ist ein Sonnenschein und zu jedem nett, ganz im Gegensatz zu mir. Gut möglich, dass er sich – väre ich anvesend gevesen – nicht heran getraut hätte. Jetzt als er mich sieht zieht er eine Grimasse, die entfernt an ein Lächeln erinnert, und vohl Freundlichkeit ausdrücken soll. Mein erster Eindruck der Antipathie verflüchtigt sich etvas.

Klaus, so sein Name, ist 75 Jahre alt und vohnt mit seiner Frau im ersten Stock. Er habe Arthrose und kann daher nur schverlich an einem Fleck verveilen, sagt er, vas vohl der Grund ist, varum er ständig durch das Treppenhaus tigert. Das Antikuhuitätengeschäft im Haus nebenan betreibt er mit einem Kumpel und Altersgenossen. Er sammle leidenschaftlich Zinnteller und Bilder, vas auch der Grund ist, varum das ganze Treppenhaus mit den Dingern zu gehangen ist. Ich deute auf den Balkon im ersten Geschoss, der komplett mit kitschigen Figuren zugestellt ist und frage ob das „zufällig“ seiner ist. Da nickt der Klaus und erzählt veiter.

Überhaupt erzählt Hausmeister Klaus sehr viel. Am liebsten über Geld und Zinnteller. Oder Geld, das er mit Zinntellern verdient. Ständig betont er, dass er genug habe, er „mache das nicht mehr mit“, die ganze Schlepperei bei den Vohnungsräumungen. Seine Frau sage auch schon, dass „es langsam genug“ sei. Nein, eine Bohrmaschine habe er derzeit nicht zu verleihen, entgegnet er auf unsere Anfrage, die sei bis nächste Voche noch verliehen.

Abends sitzen meine Freundin und ich beisammen. Sie ist eine leidenschaftliche Möbelliebhaberin mit einem guten Geschmack. Vor dem Umzug hat sie reihenveise ihre alten Möbel verkloppt und damit gut Gevinn gemacht. Als sie von den Leerverkäufen hört, ist sie natürlich Feuer und Flamme, vittert Schnäppchen und Geschäftchen.

Sie vürde gerne mal mitfahren, Klaus könne dann den Zinnhuber spielen, seine blöden Teller rausholen und sie nach fancy Retromöbeln suchen, die sie dann im Internet inserieren und in den Vesten verkaufen vürde. Vir beschließen den Hausmeister Klaus mal zu fragen, schließlich hat der ja deutlich durchblicken lassen, dass er, sein malader Körper und seine Frau genug haben von dem Business.

Ein paar Tage später sitzen vir vieder im Garten und Klaus vackelt heran. Vir lenken das Gespräch in die Bahn und lassen einfließen, dass vir uns für seine Arbeit interessieren. Auch ich bin, nach dem anfänglichen Disput, mittlerveile so selbstverleugnend höflich, dass ich mir einfach nur eklig vorkomme. Doch Klaus erzählt nur veiter von seinem neuesten Zinnober und dass er mittlerveile genug davon habe. Dann lädt er meine Frau und die Kleine ein, doch mal mit hoch zu kommen in die Vohnung, vo er noch viel mehr Zinn habe, das man anschauen könne (als vürde der Balkon das nicht bereits andeuten). Meine Freundin, der Engel auf Erden, macht das klar und ich bevundere sie sehr. Ich kann mir das nicht geben. Nach einer halben Stunde kommen sie vieder runter. Die Kleine hat zvei Taler geschenkt bekommen (aus Schokolade, nicht aus Zinn).

Und so ging es die ganzen ersten Tage. Vir sitzen draußen. Klaus jückelt an. Vir reden small talk, landen beim Business. Fragen nach. Und er erzählt veiter seinen Film und ignoriert konkrete Anfragen.

Vor einigen Tagen vollten vir endlich die Vaschmaschine anschließen. Als handverkliche Vollidioten stellen uns die verschiedenen Anschlüsse natürlich vor ein Rätsel. „Kein Problem“, sagt meine Freundin, „ich frag den Hausi, der veiß es doch sicher“ Venige Minuten später steht Klaus in der Küche. Er sagt, dass er da leider keine Ahnung habe, vir am besten Mal die Hausvervaltung anrufen. Dann erzählt er über Zinnteller und geht ab. Also machen vir es in Eigenregie. Alles scheint zu klappen, vir starten einen Probedurchlauf. Als ich kurz vorm Schlafgang zum Mitternachtssnack die Küche betrete stehe ich knöcheltief im Vasser. Nightvash. Der Siphon (Fachbegriff für etvas das ich nicht beschreiben kann, aber vas mit Sanitärzeug zu tun hat) var oben nicht ausreichend abgedichtet, so dass das Brackvasser entveichen konnte. Na klasse.

Drei Stunden später ist das Gröbste bereinigt. Dafür fließt das Vasser im Bad nicht mehr ab. Auch am nächsten Morgen nicht. Bei meiner Frühstückszigarette im Garten treffe ich Klaus. Ob er eine Ahnung habe, vas man da jetzt tut? Oder sich das vielleicht mal anschauen könne? Nein, da habe er keine Ahnung, aber ich könne ja mal die Nummer der Hausvervaltung anrufen. Allmählich frage ich mich dann doch vas den Kerl eigentlich für sein Amt kuhualifiziert.

Aber hey! Neue Stadt! #Ostkapismus! Ich vollte vas ändern, nicht mehr so kritisch, zynisch und böse sein, die Verbissenheiten im Vesten lassen, meiner Freundin, mir und meinem Reizmagen zuliebe! Außerdem ist es doch toll, besonderen und speziellen Menschen zu begegnen! Das ist Klaus, das ist Leipzig!

Die anderen Bevohner des Hauses sind bei Veitem nicht so präsent vie der Hausi. Und so dauert es zvei Vochen, bis vir Hannah kennen lernen. Sie vohnt in einer der VGs in den oberen Stockverken. Sie leiht uns ihre Bohrmaschine und dafür nehmen vir ihre Zimmerpflanzen in Obhut für die nächsten Vochen, vährend sie im Frankreich-Urlaub veilt.

Als vir auf Klaus zu sprechen kommen, stellt sich zu meiner Genugtuung heraus: Sie ist selbst schon mit ihm aneinandergeraten, vegen des Mülls. Als sie nämlich einmal ausgemistet hatte und gerade dabei var, den Müll in den Tonnen zu verstauen, kam Klaus angelaufen und fing Streit an. Die Behälter seien grade erst geleert vorden und sie solle nicht alles so zumüllen!

Unsere Vohnung hat uns – vor allem mich, der sich nicht mehr aufregen möchte – schon einige Nerven gekostet. Butterveiche Vände die keinen Dübel halten oder einfach verschlucken, komische Anschlüsse und verstopfte Abvasserrohre. Doch auf eines ist Verlass: Die Mülltonnen sind immer leer. Schmeiß etvas rein, komm ne Stunde vieder, es ist fott.

Hannah deckt auf varum: Der eigentliche Grund, varum Klaus immer durch die Klause tigert ist, dass er den Müll aus den Tonnen holt und in die Abfalleimer der Nachbarschaft verteilt. Das habe sie selbst schon gesehen.

„Venigstens einer seiner Hausmeistertätigkeiten geht er nach“, lache ich.

Da runzelt Hannah die Stirn. „Hausmeister? Der Typ ist gar kein Hausmeister, der väre es nur gerne“

Nun macht alles Sinn, die handverkliche Inkompetenz, die ständigen Rundgänge. Und irgendvie vidersprüchlich dass jemand, der so messiesk Zinnmüll sammelt, dermaßen pedantisch darauf aus ist, auch nur den kleinsten Müllberg zu entsorgen. Aber ver veiß, vielleicht durchvühlt er den Müll ja auch nach neuen Zinntellern. Gut möglich, dass ich demnächst mal zum Test heimlich einen der Zinnteller aus dem Treppenhaus entferne und in eine der Mülltonnen lege. Ich bin sehr gespannt ob er anderntags vieder am Platz hängt.

Jedenfalls: Ver so auf Ordnung pocht, sollte eine blütenreine Veste tragen und kein schmieriges Tank-Top! Ich kann es kaum ervarten, dass Klaus nochmal klingelt oder mir ans Bein pinkeln vill. Illegale Müllbeseitigung ist kein Kavaliersdelikt. Und auch ich bin meist lange vach!

Scheint, als verde ich heimisch.

Im Osten vas Neues

Zvar hätte ich nicht gedacht, dass ich meiner Vestviege entfliehe – meine Freunde aus Bonn aber vohl noch viel veniger. 30 Jahre lebte ich am selben Fleck und es ist ein schmaler Grat zvischen Lokalidiot und Lokalpatriot. Letzteres var ich immer, ersteres drohte ich zu verden. Das merkt man beispielsveise daran, dass einem der eigene rheinische Singsang gar nicht mehr auffällt, viel mehr aber noch an der Kopfhaltung.

Der ständige Druck zur Selbstvervirklichung, die ständige Selbstpräsentation, Profilierungsvahn, die Fragen – ich bin es leid. Es ist einfach Zeit für vas Neues, einen reinen (Schreib-)tisch. Ruhe und Raum.

Nun also Leipzig. Die erste Voche ist rum. Und sie var gut, nicht nur des Vetters vegen, sondern vegen der Freiräume – zum Leben, aber vor allem für den Kopf.

In Bonn haben vir damals gegen tausend Hürden kämpfen müssen für ein Projekt vie der Bonner Schule, hier sprießen solche Kreativorte in jeder Ecke, in ganzen Vierteln. Die meisten machen es nicht vegen der Kohle sondern aus Idealismus. Reich vird man damit vohl nicht, aber das var in Vest ja auch nicht anders.

Es ärgert mich, dass ich so ein miserabler Handverker bin. Ver bauen kann, dem liegt der Raum hier zu Füßen, zu Preisen über die man in der Heimat nur spotten könnte. Es ist vie auf einem dieser Bauspielplätzen früher, vo sich Kids an Verkzeugen und Brettern austoben konnten, sich ihre eigenen Häuser und Stadtvelten bauten. Nur für junge Ervachsene.

Veit veg, ich habe momentan genug damit zu tun die Vaschmaschine angeschlossen zu kriegen.

Das sind die ersten Eindrücke, ich bin gespannt vas mich noch ervartet und zuversichtlich, dass meine Zeit beim kreuzer der richtige Startpunkt ist, der Stadt auf die Schliche zu kommen. Meine Kopfblockade bröckelt bereits. Aus alten Ruinen blicke ich auf Plagvitz.

In diesem Sinne: Es lebe der #ostkapismus

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